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Isidor von Sevilla
Westgote, Philosoph und Theologe (570-636)

isidor von sevillaSpanien befand sich nach dem Zusammenbruch des weströmischen Imperiums lange unter westgotischer Herrschaft. Diese Westgoten blieben Anhänger der im Konzil zu Nicaea 323 verworfenen arianischen Glaubenslehre.

Als John von Biclar und Leander von Sevilla, zwei Westgoten aus Spanien, die ca. 7 Jahre zwischen 560 und 570 n. Chr. in Konstantinopel lebten und dort am klassischen Bildungsprogramm der Artes Liberales teilgenommen haben, folglich Griechisch und Latein beherrschten, zurückkehrten, begannen sie und Leanders Schwester Ordensregeln zu konzipieren, Klöster zu gründen und Mönchen Griechisch beizubringen.

Obwohl sie die Regeln des mönchischen Zusammenlebens aus Schriften der "Väter der Wüste", also Einsiedeleien, übernahmen, legten sie doch großen Wert auf klassische Bildung. Der Bruder Leanders,  Isidor war einer ihrer eifrigsten Schüler. Er entwickelte ein Modell angemessener klerikaler Bildung, das in seiner Etymologie [?] überliefert wurde. Dabei vertrat er die Forderung nach einer fundierten Ausbildung in der heidnischen Klassik, um, wie er behauptete, den Gefahren, die darin enthalten waren, besser begegnen zu können. 

Daraus entwickelte sich in der Folge die verbreitete Überzeugung, dass klassische antike Bildung eine wesentliche Voraussetzung für das Verständnis der christlichen Glaubenslehre wäre. Die aus diesem pädagogischen Programm hervorgehenden Mönche bekleideten in der Folge wichtige Positionen in der Kirche und dann auch im Staat. Die westgotische Schule übersetzte und kopierte eine Reihe von Manuskripten, die für die weitere intellektuelle Entwicklung Europas bedeutend wurden. Ihre Aktivitäten dienten dabei nicht allein der Verbreitung des Glaubens, sondern stellten dem christlichen, westgotischen Königtum zugleich eine Art politischer Ideologie zur Verfügung.

Isidor von Sevilla wurde eine intellektuelle Schlüsselfigur. Er wurde zum Bischof ernannt und spielte in dieser Funktion eine bedeutende Rolle. Seine zahlreichen Schriften umfassten nicht nur Kompendien für Herrscher und Kirche, sondern auch solche, die sich mit Medizin, Bergbau oder Rechnungslegung befassten. Einflussreich gipfelten sie in einer Darstellung der Weltgeschichte, in der das Ende der Geschichte in der Herrschaft Christi proklamiert wurde. Damit verbreitete sich die ursprünglich jüdische Vorstellung, dass die gesamte Menschheitsgeschichte einem offenbarten Ziel zustreben würde, auch in der christlichen Denkweise.

Gegenüber Kaiser Justinian nahm Isidor eine kritische Position ein. Dessen Haltung im 5. Konzil zu Konstantinopel, in dem er den Arianismus endgültig verurteilte, verstand Isidor als despotischen Akt. Da Isidor zugleich eine Sekte, die eine führerlose Gemeinde (akephaloi) ohne Bischöfe forderte, ablehnte, welche aber bei Justinian Unterstützung fand, erklärte Isidor Kaiser Justinian zum Häretiker. Er lehnte folglich nahezu alle byzantinischen Reglements ab und akzeptierte nur mehr Rom, Antiochia und Alexandrien als Sitze eines Patriarchats.

Seine Publikationen umfassen eine Vielzahl von Schriften: Die Weiterführung der Weltgeschichte, die von Eusebius begonnen wurde, eine Sammlung von kanonischen Gesetzestexten und päpstlichen Dekreten, die während der karolingischen Zeit weite Verbreitung fanden, sowie eine Geschichte der Goten. Seine weitläufigen Aktivitäten machten schließlich Toledo zu einem bedeutenden Zentrum der damaligen Christenheit. Seine Tätigkeiten zeigten nachhaltige Wirkung bis zur Gründung des Jesuitenordens.

Der große Einfluss Isidors begründet sich in seinen detaillierten Kenntnissen des spätantiken Curriculums. Dieser Einfluss erstreckte sich weit über Spanien und hatte nachhaltige Folgen in Nordeuropa. Seine "Etymologien" werden zusammen mit Augustinus, Jeronimus oder Gregor als antike Quellen zitiert.
Über die maritimen Beziehungen zwischen dem Nordwesten Spaniens und Irland kamen seine Bücher auch dorthin, von wo sie nach dem heutigen England und Schottland gebracht wurden. Über Land erreichten sie ebenso Frankreich Fleury, Bobbio, sowie Reichenau und andere klösterliche Zentren europäischer Gelehrsamkeit. In Anbetracht der versiegenden Quellen aus dem Osten bildeten so seine Schriften die meist einzigen Quellen und den einzigen Zugang zur antiken Gelehrsamkeit. Politisch wirksam wurden sie besonders zur Zeit der Karolinger unter Karl d. Gr.. Es gibt althochdeutsche Übersetzungen in fast jedem größeren Kloster im nördlichen Europa und in Italien. Man kann die "Etymologien" als die erste mittelalterliche Enzyklopädie bezeichnen.

"For all Christians therefore whether they were practical missionaries , ecclesiastical advisers to secular leaders, monks in isolated communities, or intellectuals and authors such as Bede, the discovery of Isidore's corpus illuminated their activities in a new way. They studied and copied his manuscripts as never before." (Herrin, S. 247)

Herrin J. (1987), The Formation of Christendom, Fontana Press, London, 1989

 

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© KS | Letzter update 12 Oktober 2017
Zitat: Scientia et potentia in idem coincidunt Scientia et sapientia numquam coincidunt