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Etymologien [?]

Zur Auffrischung bzw. zum neuen Verständnis der Begriffe:

Agora
Agora, das ist der "Markt", eigentlich der "Versammlungsraum", wo sich die griechischen Bürger zu Gesprächen trafen - also ein antiker "chat-room" - und auch sonst allerlei erledigten, was öffentlich und interaktiv ablaufen muss. So kauften und verkauften sie dort auch ihre Zwiebel, aber keine Kartoffel. Gerichtsversammlungen wurden anfänglich ebenfalls dort abgehalten, bis diesen eigene Räume zugewiesen wurden.
Im Wort "agora" versteckt sich die "Herde", lateinisch "grex", was die Versammlung anschaulich werden lässt.

Anthologie
"Anthos legein" bedeutet "Blüten sammeln". Dabei handelt es sich aber keinesfalls um Stilblüten und auch nicht um Falschgeld. Es sind auch keine Blumengebinde gemeint. "Legein" kann auch "lesen, sammeln" heißen, eine Bedeutung, die den Zusammenhang mit "logos" "Wort" oder auch "Wissen" herstellt. Es stimmt zwar, dass Blüten keine Früchte sind, doch können sie dazu werden. Demnach nehme ich mir die Freiheit "Anthologie" als "Fruchtkorb" zu übersetzen - in der stillen Hoffnung, dass deren Lektüre Früchte tragen möge.

Bloomsday
Es war am 16. Juni 1904, dass der 22-jährige Joyce seine Nora gewann und davon überzeugte, dass ein Leben mit ihm in Triest, damals Österreich-Ungarn, besser sei als eines in der spießigen Enge des damaligen Dublin. Dieses Datum verwandelte er, offenbar von seinem Erfolg beeindruckt, in seinem "Ulysses" in einen Welttag, der weder Müttern noch dem Sparen gewidmet ist, sondern Leopold Bloom, dem modernen Odysseus. 
Das erste Mal wurde dieser Tag von Joyce und einigen seiner Freunde 1929, sieben Jahre nach der ersten Veröffentlichung des "Ulysses" gefeiert, allerdings nicht in Dublin, sondern in der Nähe von Paris. Die Legende meldet, dass der Tag mit einer Kneipentour endete, die frühestens am folgenden Mittag der Erschöpfung wich. 1954, also zum fünfzigsten Jahrestag, veranstaltete eine Gruppe von Literaten eine Tour durch Dublin, wo an den markanten Punkten von Blooms Irrfahrt in Dublin Lesungen veranstaltet wurden. Auch dieses Ereignis endete mit einem ausgedehnten "Pub-Crawl". Man könnte behaupten, dass in diesen Ritualen, wie das ja öfter vorkommt, die zeitliche Abfolge umgekehrt wird. Ulysses kehrt zwar nach Ithaca zu seiner Molly heim, aber von den Lotophagen kommend, nicht von den Phäaken. Seit damals wurde Blooms Day zu einer Institution in Dublin, das seinem größten Poeten, dem Homer des 20. Jahrhunderts, damit Referenz erweist.
Schlaue Agenten des Marktes dachten, dass das Geschäft mit den Müttern im Mai sich im Juni mit den Vätern wiederholen ließe. Jeder zweite Sonntag im Juni sollte folglich der Zeugungskraft gewidmet sein. Erfreulicherweise lässt sich aber diese Kraft nicht in Kaufkraft ummünzen. Ach wie gut, dass diese smarten Akquisiteure ihren Kollegen Leopold Bloom nicht einmal vom Hörensagen kennen! 

Caementarius
Die "alten Römer", man glaubt es kaum, verwendeten bereits den Zement, dessen Bezeichnung sich aus diesem lateinischen Wort herleitet. Bekanntestes Zeugnis für die frühe Verwendung dieser Technik liefert das weltberühmte Pantheon in Rom, dessen Kuppel mit einem Durchmesser von 43,3 m der größte Kuppelbau bis ins Barock blieb. Dieser wurde durch Anwendung einer Gussmörteltechnik mit Verschalung hergestellt.
Ursprünglich bezeichnete aber "caementarius" einen Steinbruch, bzw. jene Stelle, wo man geschlagene Steine zur weiteren Verarbeitung besorgen konnte. "Lapicidinae" ist ein Synonym dafür, welches den lapidaren Bezug zum Ausgangsmaterial aller Architektur, den "Bruchstücken" aus einem Steinbruch, in Erinnerung ruft. Dahinter steht dann allerdings ein Handwerker, faber, welcher in seiner "fabrica", einer Werkstatt oder einem Bauhof, die Steine zu einem Ganzen fügt.

"Chat-Box"
"To chatter" bedeutet "zwitschern". Da ich eher Bariton singe, liegt mir das Zwitschern nicht so recht.

Etymologien
Etumos (etymos) bedeutet "wahr, aufrichtig, echt". Etymologie ist folglich die "Lehre vom Wahren". Einziges Problem dabei ist, dass die Wahrheit, wie die Maya, stets verschleiert ist, hinter jedem gelüfteten Tüll befindet sich ein neuer. Wenn man jedoch die Ansprüche reduziert und "Wahres" als "treu sein" (true, treu) verstehen will, was ja auch der ursprüngliche Aussageinhalt des Wortes war, dann entschleiert sich die tiefere Bedeutung von Worten durch das in Erinnerung rufen ihrer wechselnden, praktischen Bezüge im Verlauf der Geschichte.
Bischof Isidor von Sevilla, ein bedeutender Historiker und Gelehrter des 7. Jhdt., verfasste eine Sammlung von Schriften mit dem Namen "Etymologien", die durch das gesamte Mittelalter zum Kanon der höheren Bildung gehörten.  
Es mag zeitgerecht sein, falls wir, wie Umberto Eco meint, an der Schwelle zu einem neuen Mittelalter stehen, sich der Bedeutung der Etymologien wieder bewusst zu werden.

Fabrikate
Jene Dinge, die von Handwerkern, einem "faber", erzeugt werden,  nennt man auch "Fabrikate". Meistens sollten diese am Markt landen, wo sie zumindest zeitweilig auf "Theken, Gestellen" herumstehen bis sie schließlich ent-deckt und "zu-sich-genommen", d.h. konsumiert werden. Theken auf denen keine Gläser, sondern Bücher herumstehen, heißen folglich "Biblio-Theken", weil "biblion" Buch heißt. 

Professor
Das Wort leitet sich von "profiteor" ab. Es bedeutet etwas "frei heraussagen", "bekennen". Die Bezeichnung hat demnach viel mit "Freiheit der Lehre" zu tun und stellt somit zugleich eine Forderung, einen Auftrag in den Raum. Ein Professor darf sich nicht vorschreiben lassen was er "frei heraussagt", sonst wäre er ja kein "Bekenner".
Heute scheinen allerdings Viele zu meinen, dass sich das Wort von "proficere" herleitet. Dies bedeutet "vorwärts kommen", "nützen", Profite machen. Wobei sich eben auch der "Profi" daraus ableitet, folglich meinen nicht Wenige, es würde genügen ein "Profi" zu sein, um Professor zu werden. 
Nun macht man allerdings nur dann Profite, wenn man den Vorgaben des Marktes gehorcht, was zwangsläufig bedeutet, dass damit die Freiheit des Bekennens außer Kraft gesetzt wird.  Jene - und es sind nicht Wenige -, die dieser inkorrekten Auffassung huldigen, sollten sich folglich eher als "mercenarius" bezeichnen, Personen, die ihre Sache eines Soldes oder Profites wegen machen, nicht bekennen, sondern am Markt "feil stehen", welches "prostare" heißt und nicht "profiteor".

Sentenzen
sind eigentlich nur Sätze. Doch das Wort leitet sich von "sentire" ab, welches "fühlen, empfinden" und "denken" bedeutet. "Sentenzen" steht folglich für Sätze, die zu denken geben sollen oder auch empfunden wurden, manchmal schmerzvoll, manchmal lustvoll provokant, herausfordernd, aufrufend.

Woo
Altes englisches Wort für "Werben", "rühmen", "gewinnen suchen".

Voodoo
Lateinamerikanisch-afrikanische Geheimkulte von Zauberern und Hexern, die eben Unglaubliches zustande bringen. In Westafrika habe ich auf einschlägigen Märkten Praktiker getroffen, die sich als "Voodoo-Ingenieure" - "Oberzauberer" bezeichnet haben. Man könnte behaupten, dass auch die diversen "who is who" - Nachschlagewerke in Hinblick auf Reputation ähnliche Ziele und Praktiken pflegen.

 

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© KS | Letzter update 12 Oktober 2017
Zitat: Scientia et potentia in idem coincidunt Scientia et sapientia numquam coincidunt